innenliegende feste Zahnspange einer jungen Frau wird über einen Mundspiegel gezeigt

Im Gegensatz zur klassischen Zahnspange von außen, die in der heutigen Zeit immer öfter auf Ablehnung stößt, wird die Lingualspange zur Zahnregulierung bei den erwachsenen Patienten immer beliebter. Dank neuer Technologien und innovativem Fortschritt konnte ein System entwickelt werden, das vor einigen Jahren noch undenkbar war: Eine unsichtbare Zahnspange, die auf dem Markt jedoch als genauso präzise wie ihre sichtbare Variante angepriesen wird. Doch hält die Lingualspange auch wirklich, was sie verspricht?

Das wichtigste in Kürze

  • Eine linguale Zahnspange ist eine festsitzende kieferorthopädische Apparatur, die an die Innenfläche der Zähne angebracht wird und somit unsichtbar ist.
  • Die innenliegende Zahnspange kann bei Kindern und Erwachsenen und bei fast allen Bisslagen und Zahnfehlstellungen verwendet werden.
  • Die Behandlungsdauer ist abhängig von der jeweiligen Zahnfehlstellung und liegt zwischen wenigen Monaten bis hin zu mehreren Jahren.
  • Die Kosten für eine Lingualspange müssen privat getragen werden und liegen zwischen 4.500 Euro bis 8.500 Euro.  

Allgemeine Infos zur lingualen Zahnspange

Der Begriff „lingual“ stammt aus dem lateinischen und steht für „lingua“, die Zunge. Die Lingualtechnik beschreibt somit ein kieferorthopädisches Behandlungskonzept, bei dem die Brackets  also „zungenseitig“ und nicht, wie bei der klassischen Zahnspange, außenseitig geklebt werden.

Im Gegensatz zur konventionellen Zahnspange von außen verläuft der Drahtbogen an der Innenfläche der Zähne durch die Brackets hindurch. Die Brackets der lingualen Zahnspange werden entsprechend der individuellen Zahnform angefertigt. Aus diesem Grund ist vor Behandlungsbeginn eine Abdrucknahme oder ein 3D-Scan notwendig, um die Brackets und Drahtbögen individuell zahntechnisch anfertigen zu lassen.

Anwendungsgebiete der Lingualtechnik

Genau wie die Zahnspange von außen, lässt sich die innenliegende Zahnspange für fast alle Bisslagen und Zahnfehlstellungen (Dysgnathien) anwenden. Auch ist sie für Patienten in allen Altersklassen geeignet. Die folgende Tabelle zeigt eine Auflistung der Fälle, bei denen eine Behandlung mit der Lingualspange möglich ist:

Möglichkeiten der Anwendung der Lingualspange

Dysgnathie/ ZahnfehlstellungBeschreibung
Frontaler ÜberbissGroßer Abstand zwischen den Oberkiefer-Frontzähne und den Unterkiefer- Frontzähnen   
Umgekehrter frontaler Überbiss= VorbissUnterkiefer-Frontzähne beißen vor die Oberkiefer-Frontzähne  
TiefbissOberkiefer-Frontzähne bedecken einen großen Teil der Unterkiefer-Frontzähne  
Offener Biss (vorne und seitlich)Bei vollständigem Mundschluss besteht eine Lücke zwischen Ober- und Unterkieferzähnen  
Kreuzbiss und bukkale NonokklusionOber- und Unterkieferzähne greifen aneinander vorbei  
EngstandZu wenig Platz auf dem Kieferkamm für die vorhandenen Zähne  
LückenstandLücken zwischen den Zähnen, zu viel Platz für die vorhandenen Zähne  
Kippungen und RotationenZähne stehen verdreht und gekippt  
RezidiveZähne verschieben sich nach einer ehemaligen kieferorthopädischen Behandlung erneut  

Vor- und Nachteile der lingualen Zahnspange auf einen Blick

VorteileNachteile
Ästhetisch ansprechend  Hoher Preis
Exakte Zahnbewegung durch individuell hergestellte Brackets und Bögen  Verletzung der Zunge
Geringes Kariesrisiko  Sprachbildungsstörungen (Lispeln)

Vorteile der Lingualspange im Detail

Durch ihre Unsichtbarkeit hat die Lingualspange bei erwachsenen Patienten einen hohen Stellenwert. So können auch Patienten, die im Berufsleben viel Kundenkontakt haben, oder bei denen ein makelloses Aussehen unabdinglich ist (wie z. B. bei Models, Sängern, Politikern) unauffällig und dezent eine Zahnkorrektur vornehmen lassen. Durch die moderne 3D-Technologie werden Brackets und Drähte individuell anhand der Zahnform angefertigt und liegen optimal an der Zahninnenseite an. Somit ist eine exakte Zahnbewegung von der ursprünglichen in die gewünschte Position problemlos möglich.

Des Weiteren ist durch die ständige Unterspülung mit Speichel das Risiko einer Demineralisierung der Zahnflächen verschwindend gering. Da sich die Speicheldrüsen in unmittelbarer Nähe zur Lingualspange befinden, wird eine permanente Benetzung der Innenseite des Zahns mit Speichel garantiert und das Kariesrisiko somit stark minimiert.

Nachteile der Lingualspange im Detail

Ein Nachteil der kostenintensiven lingualen Zahnspange ist die direkte Nachbarschaft zur Zunge; eines der empfindlichsten Sinnesorgane des Körpers. Diese kann durch die spitzen Brackets und Drähte leicht verletzt und gereizt werden. Die Phase der Eingewöhnung ist deutlich länger als bei einer herkömmlichen Zahnspange und das Essen und Kauen fällt den Patienten oft anfänglich schwerer. Auch kann die Phonation (Sprachbildung) beeinträchtigt werden. So ist das Lispeln eine der häufigsten Sprachstörungen, die bei der Lingualspange vorkommen und zieht sich in manchen Fällen über die gesamte Behandlungsdauer.

Des Weiteren lässt sich die Lingualspange nicht selbstständig aus dem Mund entfernen (wie z. B. herausnehmbare Aligner-Schienen). Wenn die Beschwerden zu groß sein sollten und der Patient eine Entfernung der Lingualspange wünscht, so geht dies unmittelbar mit einem Abbruch der kieferorthopädischen Behandlung einher. Daher sollten alle möglichen Nachteile schon vor Behandlungsbeginn gut überdacht werden.

Linguale Zahnspangen im Vergleich: Incognito versus WIN

Die zwei gängigsten Hersteller auf dem Markt, Incognito und WIN, unterscheiden sich in ihrer Wirksamkeit und der Behandlungsdauer kaum voneinander. Bei der Incognito-Lingualspange werden die Brackets mit Hilfe der CAD-CAM-Technik individuell und mit einem hohen Goldgehalt hergestellt. Dies bewirkt, dass die Brackets mit einer großen Grundfläche sehr flach gestaltet und somit passgenau auf jedem Zahn platziert werden können. Dies zeichnet sich in einer geringen Bruchrate und einer enorm hohen Haftkraft aus.

Aufgrund des hohen Goldanteils ist diese Lingualspange jedoch entsprechend teuer. Bei dem zweiten System der Lingualtechnik, dem WIN-System, werden die Brackets ebenfalls mit einer flachen Basis individuell und passgenau für jeden Zahn gefertigt, was sich in einer ebenso niedrigen Bruchrate und hohen Haftkraft wiederspiegelt. Die Legierung ist hierbei nicht aus Gold-, sondern aus Silber was den etwas niedrigeren Preis erklärt.  

Behandlungsdauer

Insgesamt lässt sich die Behandlungsdauer der lingualen Zahnspange mit der einer gewöhnlichen Zahnspange von außen vergleichen. Sie ist abhängig von der individuellen Bisslage und Zahnfehlstellung des Patienten und kann von ein paar Monaten, bei kleinen Zahnfehlstellungen, bis hin zu mehreren Jahren sein. Ebenso sind die Abstände der Kontrolltermine ähnlich wie bei einer konventionellen Zahnspange. Sie liegen im Schnitt bei ca. vier bis acht Wochen; abhängig vom Behandlungsumfang pro Termin.  

Herstellung der Lingualspange

Da die Brackets einer Lingualspange an die individuelle Zahnanatomie angepasst werden, muss vor Beginn der Behandlung ein Abdruck der Kieferbasen und Zähne erfolgen. Dies kann konventionell mit einem gängigen Abdruckmaterial wie Silikon oder Alginat erfolgen, oder aber mittels eines 3D-Scanners.

Bei beiden Methoden wird ein exaktes Modell des Gebisses in der bisherigen Ausgangssituation hergestellt. Anschließend wird ein sog. „Set-Up-Modell“ erstellt, das die Zähne in ihrer späteren, optimalen Position und Zahnbogenform präsentiert. Somit können Backets mit individueller Basis gefertigt werden. Ein Biegeroboter kann mithilfe einer speziellen Computersoftware präzise Biegungen einbringen, damit sich die Zähne während der Behandlung in ihre passende Position bewegen.

Dieser aufwendige Herstellungsprozess erklärt unter anderem auch die relativ hohen Kosten, die bei der Behandlung mit einer lingualen Zahnspange anfallen.

Behandlungsverlauf

Nachdem die Lingualspange hergestellt wurde, kann sie nun von Ihrem Kieferorthopäden eingesetzt werden. Dieser Prozess ähnelt stark dem der konventionellen Zahnspange von außen (siehe Artikel Metallbrackets, Keramikbrackets). Ein Unterschied hierbei ist, dass die Lingualbrackets entweder direkt, oder mit Hilfe einer Übertragungsschiene auf die Zahninnenseite geklebt werden können. Sitzen alle Brackets fest auf ihren gewünschten Positionen, muss nur noch der Drahtbogen fest an den Brackets befestigt werden. In regelmäßigen Abständen kontrolliert nun der Kieferorthopäde den Behandlungsfortschritt und wechselt, je nach Bedarf, die Bögen aus oder bringt zusätzliche Biegungen ein. Ist das gewünschte Behandlungsziel erreicht, kann die linguale Zahnspange vom Kieferorthopäden mithilfe einer speziellen Abnehmezange von den Zahninnenseite entfernt werden. Nach Entfernung aller Kunststoffreste und der Herstellung und Anbringung einer geeigneten festsitzenden oder herausnehmbaren Stabilisierungsform (siehe Artikel: Retainer, Retentionsschiene), kann der Patient sich nun über ein dauerhaft gerades Lächeln freuen.

Mundhygiene als essenzieller Faktor

Nicht nur für den Kieferorthopäden selbst ist die Lingualtechnik aufwendig. Auch der Patient muss sich auf eine aufwendigere Mundhygiene einstellen, die vor allem in der Anfangszeit der Behandlung oft Schwierigkeiten verursachen kann. Durch die schlechtere Erreichbarkeit der Zahnzwischenräume könnten Nahrungsbestandteile länger liegen bleiben und Plaque sich ausbilden. Dies wird zwar durch die gute Unterspülung mit Speichel ausgeglichen, jedoch Bedarf eine Lingualspange dennoch einer intensiven Pflege. Das kieferorthopädische Team zeigt Ihnen gerne die verschiedenen Reinigungstechniken, die bei einer lingualen Zahnspange für eine optimale Mundhygiene essenziell sind und das Reinigen erleichtern. Auch wird eine professionelle Zahnreinigung vor und während der Behandlung empfohlen.

Kosten der Lingualspange

Ein Nachteil der lingualen Zahnspange liegt in den hohen Behandlungskosten. Diese kommen zustande, da die lingual Zahnspange mit Hilfe einer hochspezialisierten 3D-Technologie hergestellt wird, die Brackets aus einer hochwertigen Gold- oder Silberlegierung bestehen und der Behandlungsaufwand für den Kieferorthopäden aufgrund schlechter Sichtverhältnisse deutlich größer ist als bei der konventionellen Zahnspange. Die Kosten liegen bei ca. 4.500 Euro bis 8.500 Euro und sind von Praxis zu Praxis unterschiedlich. Auch sind die Kosten zusätzlich noch von der Schwere der Zahn- und/oder Kieferfehlstellung abhängig und auch davon, ob ein oder beide Kiefer behandelt werden sollen.

Übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Kosten?

Bei Kindern unter 18 Jahren erfolgt zunächst die Einstufung in die kieferorthopädische Indikationsgruppe. Jedoch sehen die gesetzlichen Krankenkassen ausschließlich die medizinische Notwendigkeit in ihrer günstigsten Form vor (große Brackets, die außen an den Zähnen angebracht werden). Aus diesem Grund ist von einer hohen finanziellen Selbstbeteiligung für die Behandlung und die Material- und Laborkosten bei der Lingualtechnik auszugehen. Bei Patienten über 18 Jahren ist jegliche kieferorthopädische Behandlung privat zu bezahlen, es sei denn, es besteht die Indikation für eine Operation. Doch auch in diesem Falle sieht der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen lediglich die günstigste Form der Zahnspange von außen vor. Auch im Falle einer Operation ist somit mit einer hohen finanziellen Selbstbeteiligung zu rechnen.

Zahlt die private Krankenversicherung oder die Zahnzusatzversicherung?

Ob die private Krankenversicherung oder die Zahnzusatzversicherung die Kosten für die linguale Zahnspange übernehmen, ist abhängig von den spezifischen Vertragsdetails. Diese können in den Policen der jeweiligen Versicherungen nachgelesen werden.


FAQ

Kann es zu Sprachproblemem bei einer kieferorthopädischen Behandlung mit einer lingualen Zahnspange kommen?

Ja. Die individuell hergestellten Brackets werden auf die Innenseiten der Oberkiefer-Frontzähne geklebt. In diesem Bereich entsteht auch die Phonation (Lautbildung). Diese kann durch die Brackets beeinträchtigt werden. Jedoch ist es von Patient zu Patient unterschiedlich, wie stark die Sprachproblematik mit einer lingualen Zahnspange auftritt und ob diese nach einigen Tagen oder Wochen der Eingewöhnung nachlässt. Dies ist vor allem in Berufen, in denen viel Kommunikation gefordert ist, problematisch. In den meisten Fällen gewöhnen sich Patienten jedoch nach einigen Tagen an die ungewöhnliche Situation im Mund; in manchen Fällen bleibt die Sprachproblematik bis zum Ende der Behandlung bestehen.

Wie viel kostet eine linguale Zahnspange?

Aufgrund der aufwendigen Herstellung, der hohen Materialkosten sowie des höheren Behandlungsaufwandes aufgrund schlechter Sichtverhältnisse für den Kieferorthopäden, ist die Lingualspange eines der teuersten kieferorthopädischen Apparaturen. Der Preis beträgt zwischen 4.500 Euro und 8.500 Euro und ist abhängig von der Schwere der Zahn- und/oder Kieferfehlstellung sowie der Anzahl der zu behandelnden Kiefer. Die Preise variieren von Praxis zu Praxis.

Zahlen die gesetzlichen Krankenkassen eine Lingualspange?

Bei Kindern unter 18 Jahren erfolgt zunächst eine Einstufung hinsichtlich der kieferorthopädischen Indikationsgruppen. Jedoch sehen die gesetzlichen Krankenkassen ausschließlich die medizinische Notwendigkeit in ihrer günstigsten Form vor (große Brackets, die außen an die Zähne geklebt werden). Deshalb fällt in jedem Fall eine hohe finanzielle Selbstbeteiligung für die Behandlung mit einer Lingualspange an.

Bei Patienten über 18 Jahren erfolgt keine Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenkasse; jegliche kieferorthopädische Behandlung ist privat zu bezahlen, es sei denn, es besteht die Indikation für eine Operation. Auch in diesem Fall übernimmt die Krankenkasse nur die Regelversorgung (herkömmliche Zahnspange von außen), mit einer hohen Selbstbeteiligung ist auch in diesem Fall zu rechnen.